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Das Schwierigste an meinem Beruf: Eine Gratwanderung zwischen Verbindung und Konfrontation

Kennt ihr dieses Gefühl? Dieses Kribbeln im Bauch, diese Mischung aus Aufregung und Unsicherheit, die mich jedes Mal überkommt, wenn ich vor einer Gruppe von Menschen stehe? Ihr fragt euch, was das Schwierigste an meinem Beruf ist? Es ist nicht das Finanzamt, das mich nachts wachhält – nein, es sind die flüchtigen, unsichtbaren Momente, die über Triumph oder Niederlage entscheiden. Es ist der Tanz auf dem Drahtseil der menschlichen Seele, den ich jeden Tag aufs Neue wage.

Ich stelle mir vor, ich stehe an der Schwelle zu einer anderen Welt, getrennt durch einen unscheinbaren Bordstein. Ein kleiner Schritt, ein winziger Augenblick, und ich kann in die Herzen und Köpfe der Menschen vordringen – oder für immer ein Fremder bleiben, verloren im Niemandsland der Gleichgültigkeit. Dieser „Bordstein“ ist kein physisches Hindernis, sondern ein tosendes Meer aus unausgesprochenen Emotionen, unerfüllten Erwartungen und unausgefochtener Kämpfe, die jeder Einzelne mit sich herumträgt, wie einen unsichtbaren Rucksack voller Sorgen und Hoffnungen. Jeder Teilnehmer in meinen Seminaren, jeder Klient in meinen Beratungen, sie alle bringen ihre eigene „Aura“ mit, einen geheimnisvollen Schleier aus Erfahrungen und Gefühlen, der die Luft mit Spannung, mit Sehnsucht, mit Angst erfüllt.

Meine Aufgabe? Ich bin wie ein Magier, der dieses unsichtbare Orchester aus Emotionen zum Klingen bringen muss, der die verborgenen Melodien in den Seelen der Menschen zum Vorschein bringt. Manchmal fühle ich mich wie ein Drahtseilartist, der auf dem schmalen Grat zwischen inniger Verbindung und schmerzhafter Ablehnung balanciert, immer in Gefahr, die Balance zu verlieren. Ein falscher Schritt, ein falscher Ton, und ich stürze ab in die Tiefe der Isolation, in den Abgrund des Scheiterns. Ich weiß, wie selten ich diesen „Sprung“ über den Bordstein wirklich verfehle, aber jedes Mal ist es ein bewusster Akt, ein Kraftakt, der all meine Energie, all meine Leidenschaft und eine gesunde Portion „Arroganz“ erfordert. Ihr nennt es Arroganz, ich nenne es mutiges Selbstvertrauen, den Mut, meine Wahrheit zu leben, auch wenn sie unbequem ist, auch wenn sie aneckt.

Denkt an den Moment, wenn ich den Seminarraum betrete. Ich strahle eine Aura der Präsenz aus, ein Leuchten, das den Raum mit Leben erfüllt, das die Herzen der Menschen berührt. Vielleicht starte ich mit einem kleinen, harmlosen Stich, einer provokanten Bemerkung, die wie ein Echo durch den Raum hallt, wie ein Donnerschlag in der Stille: „Handys? Die haben hier keinen Platz, die stören nur die Seele!“ Und dann? Ein Raunen, ein Knistern, ein irritierter Blick, ein geflüstertes „Was soll das?“, ein Aufbäumen der Egos. In diesem Augenblick offenbaren sich die unsichtbaren Hierarchien, die Ängste, die Widerstände, die tiefsten Sehnsüchte. Ich sehe die „Alphatiere“, die Rebellen, die Unsicheren – und ich weiß, jetzt kommt es drauf an, jetzt entscheidet sich alles.

Dieser Moment des „Bordsteins“, dieser flüchtige Augenblick der ersten Interaktion, er ist wie ein Tanz auf Messers Schneide, ein Spiel mit dem Feuer der Emotionen. Schaffe ich es, die Aufmerksamkeit zu fesseln, das Vertrauen zu gewinnen, den Raum für mich einzunehmen, die Herzen zu erobern? Es ist ein Spiel mit Feuer, ein Tanz zwischen leidenschaftlicher Konfrontation und einfühlsamer Empathie. Ich muss die Ambivalenz meines Gegenübers erspüren, die feinen Nuancen in Gestik, Mimik, Wortwahl und Handlungen deuten, wie ein Seelenleser. Ich versuche, in ihre Seele zu blicken, ihre Bedürfnisse, ihre Ängste, ihre Hoffnungen zu erahnen, ihre verborgenen Geschichten zu verstehen. Manchmal scheitere ich. Die Ablehnung, das Missverständnis, es trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht, wie ein Stich ins Herz. Und das Schwierigste? Diese Momente zu akzeptieren, die nagenden, quälenden Zweifel zu überwinden, mich nicht von der negativen Energie infizieren zu lassen, nicht aufzugeben.

Je mehr ich mich nach Verbindung sehne, je mehr ich mich öffne, desto größer scheint manchmal der Widerstand, die Mauer der Ablehnung. Meine Rettung? Ein paradoxes Spiel mit Ironie und Ignoranz, ein Tanz auf dem Vulkan. Ich fülle den Raum mit meiner Persönlichkeit, meinem Wissen, meiner Erfahrung, mit meiner ganzen Leidenschaft, und wenn ich nur einen Funken entfache, wenn ich nur 20% erreiche, dann passiert etwas Magisches, etwas Unerklärliches. Die Stillen, die Zurückgezogenen, sie erwachen zum Leben, sie erheben ihre Stimmen, wenn ich sie scheinbar ignoriere. Plötzlich wollen sie Teil der Gemeinschaft sein, der Sog der Gruppendynamik ist stärker als die anfängliche Skepsis, stärker als die Angst.

In diesen Sekundenbruchteilen, in diesem kurzen Aufblitzen der Erkenntnis, muss ich den Menschen „lesen“ können, muss ich ihre Seele berühren. Manchmal genügen zwei Worte, ein Blick, eine Geste, um die verborgene Geschichte, die einzigartige Perspektive zu erahnen, um eine Brücke zu bauen. Diese scheinbar kleinen Dinge, sie können die ganze Welt eines Menschen bedeuten, seine tiefsten Ängste und größten Hoffnungen in sich tragen, wie ein kostbarer Schatz.

Und ja, es gab diese Momente, in denen ich das Publikum nicht „reißen“ konnte, in denen ich gescheitert bin. Diese Momente, die sich anfühlen wie eine schmerzhafte Niederlage, wie ein Stich ins Herz, wie ein Verrat an mir selbst. Die ganze Nacht wach liegen, gequält von Selbstzweifeln, von nagenden Fragen: „Jens, wo hast du versagt? Warst du zu arrogant? Zu unsensibel? Hast du den Moment verpasst, die Verbindung verloren?“ Diese Fragen, sie nagen an meinem Selbstwertgefühl, sie drohen mich zu verschlingen, sie ziehen mich in den Abgrund.

Aber wisst ihr, wie ich mit diesen Rückschlägen umgehe, wie ich mich aus dem Sumpf der Verzweiflung befreie? Ich erinnere mich an meinen „Freund“, den ironischen Anker, der mich erdet, der mich zum Lachen bringt – das Finanzamt! Dieser humorvolle Gedanke, er relativiert alles, er erinnert mich daran, dass es im Leben Wichtigeres gibt als den perfekten Auftritt, als den ungeteilten Applaus. Dass selbst die größten Herausforderungen im Vergleich zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben, zu Liebe, Freundschaft und Glück, klein und unbedeutend erscheinen.

Es ist ein ständiger Tanz, dieses Leben als Berater und Seminarleiter, ein Tanz auf dem Vulkan der Emotionen. Ein Tanz zwischen inniger Verbindung und schmerzhafter Konfrontation, zwischen einfühlsamer Empathie und mutigem Durchsetzungsvermögen. Ein Tanz, der die Bereitschaft erfordert, zu scheitern, zu fallen, aus Fehlern zu lernen und immer wieder aufzustehen, immer wieder den Mut zu finden, den nächsten Schritt über den „Bordstein“ zu wagen, ins Ungewisse, ins Abenteuer. Und genau das, diese unerschütterliche Bereitschaft, mich immer wieder in die Arena zu begeben, immer wieder zu kämpfen, macht mich zu einem wahren Meister meines Fachs, zu einem Künstler der menschlichen Seele. Es ist eine Achterbahn der Gefühle, ein ständiger Kampf mit mir selbst und ein tiefes, ehrliches Eintauchen in die Seele des Menschen, in ihre Ängste, ihre Hoffnungen, ihre Träume. Und genau das macht es so unendlich faszinierend, so unendlich erfüllend, so unendlich lebendig. Es ist das pure Leben, in all seiner Schönheit und all seinem Schmerz. Und ich bin mittendrin, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele.

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