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Die Sprache des Lebens: zwischen Aufbau und Zerstörung

Die Rede, die eine Generation bewegte

Joschka Fischers Rede auf dem Sonderparteitag zum Kosovo-Krieg 1999 war ein Wendepunkt in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Seine Worte, seine Leidenschaft und seine Überzeugung haben mich als jungen Mann tief beeindruckt. Er sprach von der historischen Verantwortung Deutschlands, von der Notwendigkeit, humanitäre Katastrophen zu verhindern und von der moralischen Pflicht, nicht tatenlos zuzusehen, wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Er sprach von einem Krieg, der das Bild Deutschlands in der Welt verändern sollte.

Die Intensität seiner Rede war überwältigend. Jede Silbe, die er aussprach, schien von der Last der Geschichte und der Dringlichkeit der Gegenwart durchdrungen zu sein. Seine Stimme, kraftvoll und zugleich von einer gewissen Verletzlichkeit gezeichnet, drang tief in mein Innerstes ein. Seine Gesten, ausladend und doch präzise, unterstrichen die Wichtigkeit seiner Worte. Jede Pause, jedes Innehalten schien eine Aufforderung zum Nachdenken zu sein. Ich war gebannt von seiner Rhetorik, gefesselt von seiner Leidenschaft.

Ich erinnere mich an die Angst, die mich in dieser Nacht überkam. Die Angst vor dem Krieg, die Angst vor dem Verlust. Mein Bruder, kaum älter als ich, war in die Bundeswehr eingezogen worden. Ich malte mir die schrecklichsten Szenarien aus, sah ihn in meinem Geiste fallen, sah meine Eltern in tiefer Trauer. Die Frage, ob ich bereit war, für eine Sache zu töten oder zu sterben, quälte mich. War ich bereit, das Leid meiner Familie zu riskieren, um vermeintlich höheres Gut zu schützen?

Inmitten dieser Zerrissenheit fand ich Trost in Fischers Worten. Er sprach von der Notwendigkeit, Freiheit und Menschenrechte zu verteidigen, von der Pflicht, denen zu helfen, die unverschuldet in Not geraten waren. Er sprach von einer Welt, in der wir nicht länger tatenlos zusehen durften, wie Menschen auf grausamste Weise unterdrückt und ermordet wurden. Seine Worte waren wie ein Kompass in meiner inneren Dunkelheit, sie zeigten mir einen Weg, auch wenn dieser steinig und beschwerlich war.

Ich hätte „Ja“ gesagt zu diesem Krieg, weil ich glaubte, dass es richtig war, weil ich glaubte, dass es notwendig war.

Die Macht der Rhetorik

Joschka Fischer war ein Meister der Rhetorik. Er verstand es, Menschen mit seinen Worten zu bewegen, sie zu begeistern, sie zu überzeugen. Er sprach nicht nur zum Verstand, sondern auch zum Herzen seiner Zuhörer. Seine Reden waren ein Feuerwerk der Emotionen, ein Wechselbad der Gefühle. Er verstand es, die Menschen dort abzuholen, wo sie waren, ihre Ängste und Hoffnungen zu teilen, ihre Werte und Überzeugungen anzusprechen.

Er war ein brillanter Redner, der die Menschen in seinen Bann zog. Seine Körpersprache, seine Mimik, seine Stimme – alles war perfekt aufeinander abgestimmt. Er war ein Virtuose der Rhetorik, der sein Handwerk bis zur Perfektion beherrschte.

Die dunkle Seite der Rhetorik

Doch Rhetorik ist nicht nur eine positive Kraft. Sie kann auch missbraucht werden, um Menschen zu manipulieren, sie zu täuschen, sie zu verführen. Ein rhetorisch gewandter Mensch kann Lügen als Wahrheiten verkaufen, Hass und Hetze verbreiten, Menschen gegeneinander aufhetzen.

Ich habe in meinen Seminaren für Körpersprache und Rhetorik immer wieder erlebt, wie Menschen durch geschickte Wortwahl und überzeugende Gesten andere in ihren Bann ziehen konnten. Ich habe aber auch gesehen, wie diese Fähigkeit missbraucht wurde, um egoistische Ziele zu verfolgen, um andere zu manipulieren und auszunutzen. Was ist, wenn ich den nächsten Geert Wilders vor mir habe? Was ist, wenn ich einen Menschen dazu befähige, eine Lüge, eine Lücke zu entdecken und sie missbräuchlich zu nutzen?

Die Frage, die sich mir immer wieder stellt, ist: Wie können wir sicherstellen, dass Rhetorik zum Wohle der Menschen eingesetzt wird und nicht zu ihrem Schaden? Wie können wir verhindern, dass rhetorisch begabte Menschen ihre Fähigkeiten missbrauchen, um andere zu manipulieren und zu täuschen?

Die Verantwortung des Redners

Wir Menschen sind fähig, heilsam und in allen Bereichen mit Worten andere dazu zu bewegen, an etwas zu glauben, an etwas festzuhalten und vor allem Sachen zu dienen. Die Vergangenheit hat uns ganz klar und deutlich (auch die Gegenwart) gezeigt, was Sprache anrichten kann. Ein Björn Höcke, ein Faschist, der das Gedankengut seines rechten Spektrums als völkische Sprache versteht und dabei unsere wertvolle Sprache und Worte missbraucht, um genau an der falschen Lücke Gedanken zu pflanzen. Es gibt so viele Menschen, die dies in Perfektion können und dann die Menschen so emotional oder auch persönlich intensiv verunstalten, dass ihre Rettung in falschen Worten geboren wurde.

Ich glaube, dass jeder Redner eine Verantwortung hat. Eine Verantwortung für das, was er sagt, und für die Art und Weise, wie er es sagt. Ein Redner darf seine Fähigkeiten nicht missbrauchen, um andere zu manipulieren oder zu täuschen. Er muss sich seiner Verantwortung bewusst sein und seine Worte mit Bedacht wählen.

Ich versuche in meinen Seminaren, meinen Teilnehmern nicht nur die Kunst der Rhetorik beizubringen, sondern auch die Verantwortung, die damit verbunden ist. Ich möchte, dass sie sich ihrer Wirkung bewusst sind und ihre Fähigkeiten zum Wohle der Menschen einsetzen. Meine Ratschläge und meine Wertvorstellung ist: Ja, man darf Menschen mit Worten bewegen, sie dazu bewegen, an das Gute und Richtige zu glauben. Jedoch sollte dies immer mit der moralischen Wertvorstellung aller im Einklang gebracht werden. Ich erkenne schnell das Potenzial eines Menschen, ob er begeistern kann und ob er lesen kann. Ich erkenne aber genauso schnell, ob er manipulativ handeln will, und das ist mein Grad, das zu erkennen, sonst würde ich einiges in meinem Job falsch machen.

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Eine denkwürdige Erfahrung (*Diese Geschichte ist so verzerrt worden, dass sie auf jeden zutreffen kann.)

Ich erinnere mich an ein Vorstandsgespräch, in dem ich die Körpersprache der Mitglieder analysieren sollte, um dem Anwalt eine Einschätzung für sein weiteres Vorgehen zu geben. Die Atmosphäre war angespannt, es ging um viel. Plötzlich fiel mein Blick auf einen unscheinbaren Mann in der Runde. Er machte eine kleine, unauffällige Bewegung, die mir aber alles verriet. Er schaute nach unten, die Augen hochgezogen, nestelte nervös an seinem Hemd, atmete tief ein und schaute dann erschrocken wieder auf den Tisch. In diesem Moment wusste ich, was los war. (Der Anwalt sagte: „Wenn wir den Konsenz nicht heute finden, wird ihre Reputation auf dem Spiel stehen.“) Ich flüsterte dem Anwalt zu: „Schauen Sie ihn an und atmen Sie tief ein. Sagen Sie dann mit fester Stimme: ‚Auch die Ihre – Pause – ganz gewiss.’“

Der Mann hatte Angst, dass seine eigenen Interessen auf dem Spiel standen. Er war bereit, seine Überzeugungen zu verraten, um seine Position zu sichern. In diesem Moment erkannte ich, wie wichtig es ist, die Körpersprache der Menschen zu lesen. Sie verrät oft mehr als tausend Worte. Der Mensch kann an seinen Emotionen und eigenen Bedürfnissen geformt werden und dazu gebracht, seine eigene Gier und Selbstverständnis fälschlicherweise als das Richtige anzusehen und in diesen Momenten seine Schuld einzugestehen, wenn dieses auf dem Spiel steht.

Mein Tipp

Jedes Wort, das Sie aussprechen, ist eine Wahl. Sie können wählen, ob Sie Ihre Worte zum Guten oder zum Schlechten einsetzen. Sie können wählen, ob Sie Brücken bauen oder Mauern errichten wollen. Sie können wählen, ob Sie Liebe und Hoffnung verbreiten oder Hass und Verzweiflung.

Ich bitte Sie: Wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht. Seien Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst. Sprechen Sie mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Hören Sie einander zu. Und vergessen Sie niemals die Menschlichkeit. Unsere Welt ist zu kostbar und zu klein, dass wir niemals denen die Überhand lassen sollten

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