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Freundschaft

Puh, Freundschaft… ein Wort, ein Konzept, das für mich oft wie ein fernes Echo klingt. Ich ringe damit, es zu definieren, ihm einen klaren Namen zu geben. Es ist, als ob ich versuche, einen Nebel zu greifen – er entzieht sich immer wieder. Und ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass ich jemals das erlebt habe, was die meisten Menschen als „Freundschaft“ bezeichnen. Was ich kenne, sind eher Gruppierungen, Verbindungen, die aus den verschiedensten Gründen entstanden sind, aber selten aus dem reinen, warmen Gefühl heraus, das andere zu beschreiben scheinen.

Was Freundschaft für mich nicht ist – und das schmerzt:

  • Die Glut romantischer Liebe: Nein, Freundschaft, wie ich sie sehe, existiert jenseits der leidenschaftlichen Anziehungskraft einer Liebesbeziehung. Sie ist etwas anderes, etwas… Ruhigeres, vielleicht, aber nicht weniger Wertvolles. Es ist die Art von Bindung, die entsteht, wenn die stürmische See der Romantik sich gelegt hat.
  • Oberflächliche Nettigkeit: Freundschaft ist für mich kein bloßes Lächeln, kein höfliches Geplänkel. Es ist nicht die Art von Nettigkeit, die man einem Fremden zeigt. Es geht um eine Tiefe, eine Verpflichtung, die aber auf eine Art entsteht, die mir oft selbst rätselhaft ist. Und manchmal fühlt sich diese Tiefe eher wie eine Last an, als eine Bereicherung.

Meine Beziehungen: Ein Netz aus Verpflichtungen, kein warmer Mantel der Freundschaft:

Mein Freundeskreis… er ist so klein, dass er fast unsichtbar ist. Ein einziger Mensch, von dem ich seit einem Jahr nichts gehört habe. Und doch… da ist diese Gewissheit, diese stille Übereinkunft, dass ich mich jederzeit melden könnte. Dass er da wäre, ohne Fragen, ohne Zögern. Das ist ein Faden, ein dünner, aber starker Faden, der für mich so etwas wie „Freundschaft“ repräsentiert.

Der Rest? Ein Geflecht aus Pflichtgefühl. Es ist, als ob ich in einem Spinnennetz gefangen wäre, in dem jede Berührung eine Verpflichtung auslöst. Gehört jemand zu meinem erweiterten Lebenskreis – durch Familie, durch die Wirren einer Partnerschaft – dann weitet sich meine Verantwortung aus. Dann fühle ich mich auch denen verpflichtet, die ihnen nahestehen.

Stell dir vor: Georg, ein Freund von Lena, meiner Bezugsperson… Wenn Georg in Schwierigkeiten wäre, würde mein innerer Kompass sofort ausschlagen. Nicht, weil ich eine tiefe, innige Freundschaft zu Georg empfinde, sondern weil ich Lena verpflichtet bin. Es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz, ein Ehrenkodex, der mich bindet. Natürlich gibt es Grenzen, aber es ist keine Freundschaft, wie sie im Buche steht. Es ist eine Bekanntschaft, geboren aus einer anderen Verpflichtung, und das fühlt sich oft schwer und erdrückend an.

Und wenn ich eine Partnerin hätte… dann würde sich dieses Netz der Verpflichtung noch enger ziehen. Ihre Freunde – ich wäre ihnen unabdingbar verpflichtet. In jeder Lebenslage, in jeder Situation. Ein Gedanke, der mich gleichzeitig anzieht und abstößt. Und die Menschen in meinem innersten Zirkel? Mein Sohn? Für sie gilt bedingungslose Hingabe. Da gibt es keine Fragen, keine Zweifel, nur eine tiefe, unerschütterliche Verbundenheit.

Warum ich Freundschaften ausweiche – die Angst vor dem Scheitern:

Seit ich denken kann, habe ich Freundschaften gemieden, sie nicht aktiv gesucht oder gefördert. Es war immer dieses Gefühl… diese Ahnung, dass Freundschaft eine Anpassung erfordert, ein Verbiegen meiner selbst, meiner Prinzipien, meiner Überzeugungen. Damit sie „blüht“, wie ein zartes Pflänzchen, das ständige Pflege braucht. Und das? Das war für mich immer unvorstellbar. Ein Verrat an mir selbst.

Die wenigen, die ich als Freunde bezeichnete… sie hatten es nicht leicht mit mir. Meine Art von „Freundschaft“ ist sperrig, unkonventionell. Ich bin der, den man nachts um zwei aus dem Bett klingeln kann, ohne Erklärung, ohne Rechtfertigung. Ich bin da, helfe, egal was es ist. Das ist keine leere Floskel, das ist mein Ernst. Aber gleichzeitig bin ich der, der sich wochen-, monatelang nicht meldet. Der nur wenige Menschen wirklich in sein Leben lässt, in die Tiefen seiner Gedanken und Gefühle.

Meine Hochzeit… ein Symbol für meine Beziehungsunfähigkeit. Ein einziger Freund war eingeladen, weil er mir wichtig war. Aber in meinem Herzen, da war der Wunsch, diesen Tag nur mit meiner damaligen Frau zu teilen. Ein intimer Moment, nur für uns zwei. Vielleicht war das der Anfang vom Ende, der Keim des Scheiterns.

Und dann dieser eine Versuch, Freundschaft zu erzwingen… aus tiefster Zuneigung zu einem Menschen, bei dem ich meine romantischen Gefühle nicht wahrhaben wollte. Ich habe gekämpft, mich verbogen, und am Ende? Schweigen. Funkstille. Ein schmerzhaftes Scheitern, das mich in meiner Überzeugung bestärkt hat.

Meine Einsamkeit: Ein selbstgewähltes Exil:

Ich suche die Einsamkeit, brauche sie wie die Luft zum Atmen. Weil ich so oft das Gefühl habe, unverstanden zu sein. Ein Außerirdischer, gelandet auf einem fremden Planeten. Menschen verstehen meine Art nicht, meine Intensität, meine… Andersartigkeit. Sie können sie nicht respektieren, weil sie sie nicht begreifen.

Ich sitze stundenlang mit Kopfhörern da, versunken in meiner eigenen Welt, seziere Gespräche, zerlege jedes Wort, jede Geste. Das ist meine Art, die Welt zu verarbeiten. Aber wer versteht das schon? Wer hat die Geduld dafür?

Und wenn mehr als drei Menschen um mich herum sind… dann beginnt der Kampf. Der Kampf, nicht auszusprechen, was ich denke, was ich fühle. Die ungeschminkte Wahrheit, die oft verletzend ist, unbarmherzig. Ich bin streitsüchtig, ja, aber nicht aus Bosheit. Sondern weil ich die Dinge so sehe, wie sie sind, oder wie ich glaube, dass sie sind. Ohne Filter, ohne Beschönigung. Und das zerstört Freundschaften. Es sprengt sie in tausend Teile.

Mein Stolz: Ein Schutzschild gegen die Welt

Deshalb weiß ich, tief in meinem Inneren, dass ich für diese Art von menschlicher Verbindung, für diese „Freundschaft“, nicht gemacht bin. Und ich bin nicht traurig darüber. Nein, ich bin stolz darauf. Stolz auf meine Andersartigkeit, auf meine Fähigkeit, allein zu sein, auf meine Art, die Welt zu sehen.Man darf mich nicht mögen. Man muss mich nicht mögen. Und ich nehme es niemandem übel. Es ist in Ordnung. Es zeigt mir nur, dass ich anders bin. Und dieses Anderssein ist mein Schutzschild, meine Festung, meine Art, in dieser Welt zu bestehen, die Freundschaft so anders definiert als ich. Es ist mein Weg, und ich gehe ihn, allein, aber nicht einsam, sondern erfüllt von einem tiefen Gefühl der Selbstakzeptanz. Es ist meine art von Freiheit.

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