Na toll, da ist er wieder, dieser Tag. Wie könnte es anders sein, werde ich von einem tierischen Überfallkommando geweckt. Zwei zottelige Fellknäuel, bewaffnet mit Sabberfäden und diesem Hundeblick, der eindeutig gegen die Genfer Konventionen verstößt, stürmen mein Bett. „Gassigang! SOFORT!“ brüllen sie. (Ich schwöre, ich werde noch einen Hundeflüsterer engagieren – oder einfach Ohrstöpsel tragen.)
Kurzer Handycheck. Keine Nachricht von Jens. Gott sei Dank! Die Apokalypse ist also vorerst abgesagt. Mal sehen, ob ich mit einem schlichten „Guten Morgen!“ davonkomme. Und dann: Warten. Warten auf das unvermeidliche Unheil, das sich Antwort nennt.
Die Antwort trudelt natürlich irgendwann zwischen 10 und 12 ein – oder vielleicht auch erst morgen? Bei Jens ist Zeit ja schließlich relativ. Dann ertönt das Kreischen der Raben – sein persönlicher Klingelton, versteht sich. Da ist sie also, die Antwort, in Form einer Videonachricht.
Jens, der aussieht, als hätte er eine durchzechte Nacht mit seinen 30 Nu…… verbracht, lallt mir irgendwas von „unbedingt noch…“ vor. Die Welt retten, den Dritten Weltkrieg abwenden, ein neues Element im Periodensystem entdecken – ja, ja, ist klar. Ich gähne demonstrativ und überlege, ob ich mir lieber noch eine ‘wir rauchen hier natürlich nicht’ gönnen sollte.
Smalltalk? Ha! Ich erzähle von meinem aufregenden Plan, die Welt Herrschaft an mich zu reißen, während er mir einen Vortrag über die philosophischen Implikationen schwarzer Löcher hält. (Ich nicke brav und träume von meinem Mittagsschlaf.) Und natürlich klingelt genau dann, wenn ich versuche, meinen Eyeliner symmetrisch hinzubekommen, das Telefon. Videoanruf. „Hey, was machst du so? Wo bist du? Warum siehst du so beschissen aus?“ (Ich bin mir sicher, er hat Kameras in meiner Wohnung versteckt.)
Das Chaos nimmt seinen Lauf. Entweder ich fahre zu ihm, um einen neuen Podcast aufzunehmen, oder wir treffen uns in virtuellen Meetings. Manchmal sind wir tatsächlich produktiv, manchmal… nun ja, endet es in einem kleinen Handgemenge.
Am späten Nachmittag gelingt mir dann die Flucht in mein kleines, geordnetes Reich. Vielleicht tauschen wir noch ein paar passiv-aggressive Nachrichten aus – ist ja schließlich unsere Muttersprache. Und dann: Ruhe. Vielleicht noch ein „Gute Nacht“ – oder auch nicht. Wenn Funkstille herrscht, weiß ich: Jens ist wieder in seiner eigenen, kleinen Welt abgetaucht.
Aber es gibt auch diese Tage, an denen mein Handy Amok läuft. Nachrichten im Minutentakt, Anrufe ohne Ende. „Guck mal, das ist wichtig!“ – und das, und das, und das! Ich kann kaum auf die Toilette gehen, ohne dass das Telefon klingelt. Diese Tage… nun ja, die sind zumindest unterhaltsam.
Manchmal denke ich, ich habe ihn durchschaut. Aber dann überrascht er mich doch wieder mit einer neuen Marotte, einer neuen Art, mich in den Wahnsinn zu treiben. Und trotzdem… ich würde ihn nicht eintauschen wollen. Das Leben mit Jens ist ein ständiges Auf und Ab, ein einziges Chaos – aber wer braucht schon Normalität?
Auch wenn ich hier gerade ein wenig zynisch über mein Leben mit Jens gelästert habe, bin ich im tiefsten Inneren dankbar, ihn in meinem Leben zu haben. Ja, manchmal verfluche ich ihn und frage mich: „Warum tue ich mir das an?“ Aber dann kommt er mit seinem Grinsen und einem dämlichen Spruch um die Ecke, und ich denke: „Genau deswegen!“
Jens‘ Anwesenheit in meinem Leben kostet Nerven, aber die schönen Momente überwiegen. Ihn zu verstehen, ist ein Vollzeitjob, aber wenn er es einem wert ist, nimmt man das in Kauf – und bekommt hin und wieder seine andere Seite zu sehen. Jens hat mein mehr oder weniger strukturiertes Leben in ein Chaos verwandelt, aber ich weiss das Chaos zu koordinieren und habe unendlich viel über mich selbst gelernt . Ich glaube, ich bin sein persönliches Langzeitprojekt. Nein, Spaß. Wir lernen beide voneinander und bereichern unser Leben.
Und am Ende ein kleines Dankeschön an Jens – aber wirklich nur klein, denn ich bin ja auch nicht gerade einfach. Danke, dass du es immer wieder mit mir aushältst!